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Proletheus

Die Verteidigung Des Weihnachtsfestes

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von am 09.12.2012 um 22:17 (6851 Hits)
      
   
Auf einem schwindelerregend hohen Geschenkeberg hockte der Weihnachtsmann, schaute auf das geschäftige Treiben in seiner Weihnachtsfabrik hinab und nickte zufrieden. Obwohl Wichtel, Elfen und sonstige zu seinem Gefolge gehörigen Kreaturen mit Päckchen beladen durch die Halle hetzten, als gäbe es kein Morgen - und das obwohl der Maya-Kalender sich letztendlich doch geirrt hatte – wusste Santa, dass sie es auch dieses Jahr schaffen würden, wie auch in allen anderen Jahren, seit er Christmas Executive Officer, kurz CEO, geworden war. Vom Priester in einem kleinen Kaff in Antalya zum größten Versanddienstleister der Welt – noch VOR Amazon, wie Santa in letzter Zeit gebetsmühlenartig betonte – : seine Karriere konnte sich sehen lassen. Aber das nur so nebenbei.

Santa entschied, dass er hier oben gerade nicht gebraucht wurde, hüpfte munter den Gabengipfel hinunter und steuerte eine unauffällige Seitentür an, die sich als Besenkammer entpuppte. Einen Reinigungs-Wichtel, der eine kleine Arbeitspause einlegte und exotische Kräuter in einer Pfeife rauchte, verscheuchte er, ohne auf die Beteuerungen zu achten, es sei für medizinische Zwecke. Die Tür zu und abgeschlossen, ertastete Santa ein in der Wand eingebettetes, verborgenes Tastenfeld und gab mit gewohnter Lässigkeit einen 30-stelligen Zahlencode ein, woraufhin eine Reihe von Sicherheitschecks folgte, zu denen Fingerabdrücke, Iris-Erkennung und das Vorsingen von Weihnachtsliedern gehörte. Schließlich verschwand das Tastenfeld wieder in der Wand, die sich lautlos in Bewegung setzte und eine schlecht beleuchtete Treppe preisgab, die nach unten führte und deren Ende nicht abzusehen war. Beim Gedanken an den späteren Aufstieg stöhnte Santa und träumte zum wiederholten Male von einem Fahrstuhl, ein Traum, der daran scheiterte, dass er die am Bau beteiligten Elfen zwecks Geheimhaltung würde „beseitigen“ müssen. Denn was sich unter der Weihnachtsfabrik abspielte, wusste bis auf die unmittelbar Beteiligten niemand.

So erreichte Santa nach einem eintönigen Abstieg den Eingang zur Zentrale der Christmas Intelligence Agency, kurz CIA, eine große massive Flügeltür, die sich automatisch öffnete und den Blick freigab auf einen großen Raum, vollgestopft mit Computern, Bildschirmen und technischem Gerät, dessen Funktion sich sogar dem Weihnachtsmann entzog. Von der unübersichtlichen Menge an Kobolden, Zwergen und sonstigen Dienern, die gebannt auf Bildschirme starrten, hektisch Ausdrucke hin- und herschleppten und über Headsets mit den Agenten im Außendienst verbunden waren, löste sich ein kleiner, aber besonders wichtig wirkender Gnom in schwarzem Anzug – dieser selbstverständlich maßgeschneidert – eilte zum Weihnachtsmann und verbeugte sich. „Willkommen in der Zentrale, Chef!“, piepste der Gnom, erfolglos darum bemüht, seine Stimme tief und sinnlich klingen zu lassen. „Gehe ich richtig in der Annahme, dass sie über unsere weltweit laufenden Operationen auf den neuesten Stand gebracht werden möchten?“ Santa nickte dem Chef seines eigens ins Leben gerufenen Geheimdienstes zu, dessen Namen Melchior war, und lies sich in die Mitte des geschäftigen Treibens geleiten, wo ein überdimensionaler Bildschirm von der Decke hing und eine verwirrende Menge an Daten und Bildern über ebendiesen huschte.

Da es äußerst selten geschah, dass jemand die Entscheidungen des Weihnachtsmannes in Frage stellte, musste Santa noch nie begründen, warum der in den Augen von Millionen von Kindern nette alte Mann mit dem Rauschebart und dem Sack voller Geschenke einen Geheimdienst brauchte. Hätte er es jemals tun müssen, wäre es auf folgendes hinausgelaufen: Weihnachten musste geschützt werden, und zwar nicht vor Säkularisierung und Konsumwahn – der Markt für kostenlose Geschenke brummte unverändert – sondern vor dem wahnwitzigen Wildwuchs an Verfremdungen des Weihnachtsfestes, welches eines Tages nicht mehr als solches erkennbar sein würde, wenn jeder dahergelaufene Witzbold seine eigene Weihnachtstradition erschaffen und dem Gemeingut beimischen dürfte. Kurz: die CIA wurde geschaffen, um das Weihnachtsfest rein und unverfälscht zu erhalten.

„Also, Chef, ich hatte vor einer Stunde Agent Ruprecht an der Strippe. Er schickt dir liebe Grüße aus Massachusetts“.

„Massachusetts?“ fragte Santa verwirrt. „Was macht der Knecht in Massachusetts??“

„Na du weißt schon, die Sache mit der Weihnachtsgurke“.

Santas Gesicht nahm einen ersten leichten Schimmer von Rosa an. „Weihnachtsgurke?“

Melchior seufzte. „Ok, ganz von vorne: in den USA wird an den Weihnachtsbaum eine sogenannte Weihnachtsgurke gehängt, und das Kind, welches diese zuerst findet, kriegt ein Geschenk extra.“

„Ein Geschenk extra?“, empörte sich Santa. „Sonst noch Wünsche? Aber woher kommt dieser Schwachsinn?“

Melchior zuckte nur mit den Schultern. „Die Amerikaner glauben, der Brauch kommt aus Deutschland, aber dort lachen die sich nur den Arsch ab über diese Annahme“.

„Der Knecht hat Recht“, stellte Santa klar,“dort muss unbedingt was passieren. Aber warum Massachusetts und nicht gleich Washington? Immerhin ist es doch ein nationales Problem!“

„Er wollte einfach zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.“ Sagte Melchior sachlich. „Immerhin ist Weihnachten in Massachusetts seit 1659 verboten.“

Santa hielt sich die Hand vor Augen und schüttelte den Kopf. „Neinneinnein, das hatte ich inzwischen total verdrängt. Die blöden Puritaner haben das damals verbockt, ich erinnere mich…“

„Lass‘ den Kopf nicht hängen“ sagte Melchior und klopfte Santa aufmunternd auf den Wanst. „Vielleicht hat Ruprecht beim neuen Governor mehr Glück als damals bei Mitt Romney. Schauen wir doch lieber mal nach Finnland! Dort haben wir große Fortschritte gemacht.“

„Wirklich?“, fragte Santa zweifelnd. „Na dann lass mal hören.“

„Du bist dort seit fast 200 Jahren kein Ziegenbock mehr, ist das nicht toll?“ trällerte Melchior und schaute erwartungsvoll zu Santa hoch.

„Ich weiß nicht, wovon du redest“, dröhnte Santa, dessen Laune sich im Sinkflug befand, „aber es ist nicht lustig!“

„Nun, die Finnen dachten ewig lang, dass du ein Ziegenbock bist“, sagte Melchior kleinlaut, “ oder zumindest ein Wesen, welches aussieht wie einer. Sie nennen dich ja bis heute noch… ich hab’s mir aufgeschrieben… Moment, gleich hab‘ ich’s… ah ja, hier: ‚Joulupukki‘, den Weihnachtsbock“.

Santas Nase erinnerte langsam an die Rudolfs. „Siehst du etwa hier oben irgendwo Hörner, hm?“ fragte dieser aufgebracht und fuchtelte in Richtung seines weißen, ungehörnten Hauptes.

„Das könnte an der bescheu… ääh, an der exotischen Bommelmütze liegen“, korrigierte sich Melchior rechtzeitig. „Vielleicht dachten die Leute, darunter würde sich etwas verbergen…“

„Genug davon!“ entschied Santa und schaute auf den Bildschirm in der Bemühung, das Thema zu wechseln. „Könntest du mir bitte erklären, was da gerade für ein Bild gezeigt wird?“

Melchior schien einige Zentimeter zu schrumpfen, was sich bei seiner Körpergröße bedenklich auswirkte. „Das, Chef, ist ein ganz besonderes Ärgernis, dem wir noch nicht Herr geworden sind.“

Santa wartete, aber Melchior schaute nur demonstrativ im Raum herum, wahrscheinlich auf der Suche nach einem Loch, in dem er verschwinden könnte.
„Mein lieber Melchior“, sagte Santa leise, wobei er ungeduldig mit dem Fuß klopfte, „könntest du die Angelegenheit bitte ein bisschen genauer ausführen?“

„Also gut“, seufzte Melchior, „die Katalanen nennen diese Figur Cagane, sie wird meistens in die Nähe der Krippe gestellt und soll angeblich ein Sinnbild für den Kreislauf der Natur darstellen“.

„Ein Zwerg mit einer roten Mütze, der die Hosen runterlässt und in die Hocke geht, ein Sinnbild für den Kreislauf der Natur?“ polterte Santa, wobei er die bösen Blicke der Zwerge unter den Agenten des Innendienstes ignorierte. „Sag‘ mal, Melchior, willst du mich verarschen??“

„Was zum verdammten Christbaum kann ich denn dafür?“, eschauffierte sich jetzt Melchior lautstark. „Frag‘ doch gleich die Katalanen! Und ja, bevor du fragst: diese Figur macht gerade ihr Geschäft, ok? So, jetzt weißt du es! Es ist so schon schlimm genug, auch ohne dass du mich hier zur Schnecke machst!“

Santa stieß einen höchst unweihnachtlichen Fluch aus. „Bitte entschuldige mich, Melchior, es ist ja nicht deine Schuld. Ich weiß, dass ihr alle euer bestes gebt. Es ist nur so entsetzlich, was aus der guten alten Weihnachtstradition gemacht wurde.“ Sein Blick löste sich von der hockenden Unsäglichkeit und blieb an einer Videoaufnahme hängen, wo eine allseits bekannte Gestalt auf einem Surfbrett stand. „Und was sehe ich hier, bitteschön?“

„Das hat eins unserer Spionagerentiere beim Überflug aufgenommen“ erklärte Melchior. „ Es zeigt die Bondi Beach in Sydney, Australien. Dort zeigt der Weihnachtsmann… ääh, ich meine natürlich ein verkleideter Mensch, Tricks auf dem Surfbrett, während am Strand Truthahn-Barbecue geboten wird“.

„Ich auf einem Surfbrett…“ stöhnte Santa, „und den Truthahn haben sie auch noch zweckentfremdet“.

„Nicht mehr lange, Chef“, sagte Melchior grimmig. „Wir haben ein Kommando Krampusse nach Sydney geschickt. Sie werden sich anschleichen und sich kreischend auf die Besucher stürzen. Mal sehen, ob da nochmal jemand auftaucht um Truthahn zu grillen“.

„Gut gemacht, Melchior“, sagte Santa versöhnlich, „die Sache ist noch lange nicht verloren. Weihnachten wurde schon so oft totgeglaubt, und wir sind immer noch hier, nicht wahr?“

„Recht hast du Chef“, pflichtete Melchior ihm bei, „ und was Island angeht, mach‘ dir keine Sorgen. Dort glauben die Leute zwar nach wie vor, dass es von dir 13 Stück gibt und deine Mutter ein Troll ist, aber das kriegen wir auch noch in den Griff.“

„Dreizehn?“ flüsterte Santa entgeistert. „Meine Mutter, ein Troll?“

„Verdammt“, schimpfte Melchior zu sich selbst, „hätte ich doch bloß meine Klappe gehalten“.
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Kommentare

  1. Avatar von Maezinha
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    toll! selbst geschrieben?
  2. Avatar von Proletheus
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    Jep. Da meine verzweifelte Suche nach einem passenden Beitrag für einen Adventsabend (s. Thread) bis gestern keine vollends zufriedenstellenden Ergebnisse lieferte, dachte ich mir einfach "Ok, dann schreibste einfach selber eine". Meine Eltern haben sich schon mal kaputtgelacht, mal sehen, wie es bei meinem Cousin ankommt :-)

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